Böschungsbegrünung mit der “Strickliesel”
13.03.2026
Darmstadt/Reiskirchen, 13. März 2026 – Am Autobahnkreuz Darmstadt kommt beim Neubau einer Böschung ein Spezialverfahren für die Hangsicherung zum Einsatz: Heustränge. Bei diesem Verfahren wird samenreiches Heu aus der Region zu Strängen verarbeitet. Diese Stränge werden mäanderförmig im 45°-Winkel am Hang verlegt, um Regenwasser abzuleiten und die Böschung zu sichern. Die im Heu enthaltenen Wildpflanzensamen keimen aus und begrünen die Böschung. Der dauerhafte Erosionsschutz erfolgt durch die Wurzeln der Pflanzen. So können zwei Arbeitsschritte kombiniert werden, die Hangsicherung und die Begrünung der Böschung mit gebietseigenen Pflanzen.
Innovative Begrünung schützt heimische Artenvielfalt
„Die Begrünung mit gebietseigenem Material ist von großer Bedeutung für den Schutz der biologischen Vielfalt vor Ort“, erklärt Dr. Sarah Harvolk-Schöning, Projektmanagerin des Projekts „Blütenvielfalt (RegioProD)“ beim Deutschen Verband für Landschaftspflege, Koordinierungsstelle Hessen: „Die genetische Vielfalt der Pflanzenarten wird geschützt. Zudem ist die heimische Tierwelt an heimische Pflanzen angepasst. Gebietsfremde Arten können nicht in gleichem Maße als Nahrungsquelle und Lebensraum genutzt werden. Gerade Straßen oder Schienen dienen häufig als Ausbreitungswege für invasive Arten, so dass besonders bei Begrünungen in diesem Bereich auf die Verwendung von gebietseigenem Material geachtet werden muss.“ Schließlich ist der Einsatz in der freien Natur gemäß Bundesnaturschutzgesetz verpflichtend. Ziele des Projekts „Blütenvielfalt“ sind die Förderung des Einsatzes von gebietseigenem Material, Information zum Thema und die Vernetzung von Akteuren. In diesem Rahmen konnte der Kontakt zur Firma Heu-Heinrich® aus dem Thüringer Wald hergestellt werden.
Am Darmstädter Kreuz fanden in jüngerer Vergangenheit umfangreiche Baumaßnahmen statt. Unter anderem wurde im südlichen Bereich an einer Rampe eine Böschung von etwa einem Hektar Fläche neu modelliert, die aufgrund ihrer Ausgestaltung für eine Begrünung mit Heusträngen geeignet war. Die Fläche kann von der BAB 67 in nördlicher Fahrtrichtung gesehen werden.
Wertschöpfung für die Region
Das Heu für die Produktion der Heustränge kommt von einem landwirtschaftlichen Betrieb in einer Nachbargemeinde, nur wenige Kilometer vom Autobahnkreuz entfernt. Bei der Vermittlung unterstützte der Landschaftspflegeverband Darmstadt-Dieburg.
Neben genannten Vorteilen der Verwendung gebietseigenen Materials liegt ein weiterer Mehrwert in der regionalen Wertschöpfung. Viele Betriebe im Landkreis bewirtschaften artenreiches Grünland, das einer Vielzahl von Kräutern und Insekten Lebensraum bietet. Die Verwertung des Materials wird jedoch immer schwieriger, da zunehmend weniger Tiere gehalten werden. Innovative Verwertungsmöglichkeiten wie die Verwendung des Heus als Spendermaterial für Begrünungen können unterstützen und erzeugen Wertschätzung für die landwirtschaftlichen Betriebe der Region.
Heustränge: Innovatives Produkt aus Deutschlands Mittelgebirgen
Aus dem Heu werden mit einer Maschine grobe Heustränge gewoben, ähnlich wie bei einer Strickliesel. Diese werden etwa im 45°-Winkel auf der Fläche verlegt und mit Holzpflöcken fixiert. Die Heustränge leiten das Wasser von der Fläche ab, speichern aber auch zu einem gewissen Grad Feuchtigkeit und bieten so den darin enthaltenen Samen gute Keimungsbedingungen.
„Das Heu bietet einen idealen Aufwuchsträger für Pflanzen. Diese wachsen aus dem Strang heraus und besiedeln die Böschung, während der Heustrang nach etwa zwei Jahren aufgelöst ist“, betont Heinrich Meusel. Die Maschine entwickelte der innovative Landwirt, Garten- und Landschaftsbauer gemeinsam mit dem Sächsischen Textilforschungsinstitut. Für die Idee, Heustränge als Baustoff zu verwenden, erhielt der Thüringer bereits Auszeichnungen.
Derzeit liegen die Kosten dieser Technik noch etwas höher als bei herkömmlichen Begrünungsverfahren. Allerdings kann ein Arbeitsschritt eingespart werden, da Böschungssicherung und Hangbegrünung nicht separat erfolgen. Am Darmstädter Kreuz kommen sowohl Heustränge als auch neu entwickelte Matten aus Heu zum Einsatz, die sich schneller und damit kostengünstiger verlegen lassen.
Hintergrund
Landschaftspflegeverbände sind in einigen Landkreisen Hessens schon seit den 1980er und 1990er Jahren aktiv und als professionelle und erfolgreiche Akteure im Naturschutz anerkannt. Die drittelparitätische Vereinsstruktur eines Landschaftspflegeverbands als Zusammenschluss von Vertretern der Landwirtschaft, Naturschutzverbänden und Kommunen bildet dabei die Vertrauensbasis für eine erfolgreiche Arbeit. Um dieses „Miteinander“ im Naturschutz in ganz Hessen zu stärken, unterstützt die Landesregierung die Finanzierung von Landschaftspflegeverbänden. In Hessen gibt es 18 Landschaftspflegeverbände.
Der DVL ist der Dachverband der Landschaftspflegeorganisationen in Deutschland und ist in Hessen mit einer Koordinierungsstelle vertreten, um die Arbeit der Landschaftspflegeverbände zu unterstützen. Die Verbände arbeiten deutschlandweit mit circa 15.000 landwirtschaftlichen Betrieben, darunter knapp 2.000 Schäfereien, für den Naturschutz eng zusammen. Über 3.900 Kommunen, 190 Landkreise und 47 kreisfreie Städte sind Mitglied eines Landschaftspflegeverbandes. Die im DVL zusammengeschlossenen Verbände sind rechtlich selbstständig.
Das Projekt „Blütenvielfalt – RegioProD“ ist ein Verbundprojekt der Hochschulen Osnabrück und Anhalt, des Deutschen Verbands für Landschaftspflege, des Verbands deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten e.V. (VWW), der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein sowie von Praxispartnern in den beteiligten Regionen. Ziel des Projekts ist, über die Bedeutung von gebietseigenem Material bei Begrünungen und Renaturierungsprojekten zu informieren und die Anwendung zu fördern. Das Projekt „Blütenvielfalt – RegioProD“ wird gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Das Teilprojekt in Hessen wird außerdem gefördert mit Mitteln des Hessischen Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat.
Foto: Begrünung mit Heusträngen und Heumatten am Darmstädter Kreuz, Quelle: Heinrich Meusel
Pressekontakt: Miriam Sannes, Deutscher Verband für Landschaftspflege – Koordinierungsstelle Hessen, Oberdorfstraße 23, 35447 Reiskirchen, Tel: +49 6408 / 9697 827, E-Mail: m.sannes@dvl.org
Fachkontakt: Dr. Sarah Harvolk-Schöning, Deutscher Verband für Landschaftspflege – Koordinierungsstelle Hessen, Oberdorfstraße 23, 35447 Reiskirchen, Tel: +49 6408 / 9697 826, E-Mail: s.harvolk@dvl.org
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