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10 Jahre blühende Wiesen in Friedrichsdorf

08.06.2026 Erstellt von Dr. Sarah Harvolk-Schöning

In Friedrichsdorf wurden Ausgleichsflächen für den Straßenbau mit gebietseigenem Wildpflanzensaatgut und Mahdgutübertrag angelegt. Ende Mai wurden die Flächen bei einer Exkursion besichtigt.

Friedrichsdorf, 8. Juni 2026 – Von einer Erfolgsgeschichte, die zunächst holprig begann, berichtet Biologe Dr. Stefan Nawrath den Teilnehmenden der DVL-Exkursion „Ökologische Grünlandaufwertung als Ausgleichsmaßnahme“ in der vergangenen Woche. Nach dem Bau der Entlastungsstraße in Friedrichsdorf vor etwas mehr als zehn Jahren wurden die Ausgleichs- und Straßenbegleitflächen zunächst mit herkömmlichen Grasansaaten begrünt – dabei hätte hier großes Potenzial für artenreiche, blühende Wiesen bestanden.* Auf Initiative mehrerer Naturschutzverbände wurde nachgebessert: Mit speziellen, regionalen Saatgutmischungen und der Übertragung von Schnittgut artenreicher Wiesen aus der Umgebung verwandelte sich die zuvor monotone „grüne Wüste“ in vielfältige, blütenreiche Wiesen. Heute gilt das Gebiet als gelungenes Vorzeigeprojekt. Nawrath war damals für die Umsetzung verantwortlich und begleitet die Flächen bis heute. 

Kürzlich trafen sich Teilnehmende von Hessen Mobil, Landschaftspflegeverbänden, Naturschutzverbänden und Behörden zur Exkursion auf dem landwirtschaftlichen Betrieb Raab in Seulberg. Der Betrieb hat die Maßnahmen damals umgesetzt und bewirtschaftet die Ausgleichsflächen bis heute. Nach einer Begrüßung durch Dr. Arne Baudach, Umweltberater der Stadt Friedrichsdorf, erklärte Nawrath den Exkursionsteilnehmenden zunächst die Geschichte des Projekts. Anschließend wurden die Flächen besichtigt und erläutert, wie die Neuanlage artenreichen Grünlands als Ausgleichsmaßnahme gelingen kann. 

Neben Einsaaten von Regiosaatgut kam auch die Methode der Mahdgutübertragung zum Einsatz: Dabei werden artenreiche Wiesen gemäht, wenn ein großer Teil der dort vorkommenden Pflanzen reife Samen hat. Das gesamte Mahdgut wird frisch auf die neu anzulegende Fläche übertragen und dort ausgebreitet. Die Samen können ausfallen und im Schutz der Mahdgutschicht keimen und anwachsen. Bei dieser Methode werden die Arten übertragen, die tatsächlich in der Nachbarschaft vorkommen. Außerdem können Arten übertragen werden, die als Regiosaatgut nicht im Handel verfügbar sind, etwa weil sie sich nur schwer vermehren lassen. 

Über die Entwicklung der Flächen entscheiden oft kleine Stellschrauben. „Zwei Flächen wurden im Abstand von zwei Jahren mit Mahdgut von derselben Spenderfläche angelegt. Obwohl das Erntedatum sich kaum unterschied, enthielt die erste Ernte viel mehr Grassamen und die zweite Ernte mehr Saat von später reifenden Wiesenblumen.“ berichtet Nawrath. Beide Flächen haben sich dann auch sehr unterschiedlich entwickelt. Auf der zweiten Fläche dominierten zunächst Flockenblumen. „Diese werden nun von Käferlarven gefressen. Das sind keine Schädlinge, das sind welche von den Guten. Die Flockenblumen verschwinden nicht ganz, es werden nur weniger. So stellt sich in der Natur ein Gleichgewicht ein.“ 

Alle Ausgleichsflächen haben sich zu arten- und blütenreichen Wiesen entwickelt. Neben Ausgleichsflächen für den Straßenbau besteht auch bei Straßenbegleitgrün, also Böschungen oder Verkehrsinseln, ein großes Potenzial für den Naturschutz. Bei der Exkursion wurde eine Versuchsfläche besichtigt, auf der im Rahmen eines Forschungsprojekts untersucht wurde, wie sich Straßenbegleitgrün ökologisch hochwertig anlegen lässt. 

Diese „Eh-da-Flächen“ können wichtige Ersatzlebensräume sein, da sie die Landschaft vernetzen und als Ausbreitungskorridore für Tiere und Pflanzen dienen. Allerdings können sich hier auch problematische oder invasive Arten ausbreiten, welche sowohl die Verkehrssicherheit als auch die umliegende Landschaft gefährden können. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts zeigen: Wird Straßenbegleitgrün mit gebietseigenen, artenreichen Saatgutmischungen begrünt, erhöht dies nicht nur den Beitrag zur Artenvielfalt, sondern auch die Widerstandskraft der Vegetation gegenüber Hitze- und Trockenstress. Auch Problemarten haben hier weniger Chancen, was wiederum die Kosten für die Bekämpfung senkt. 

„Die Projekte in Friedrichsdorf sind ein wertvolles Beispiel, dass die Anlage artenreichen Grünlands als Ausgleichsmaßnahme gut funktionieren kann“, erklärt Dr. Sarah Harvolk-Schöning, Projektmanagerin des Projekts „Blütenvielfalt (RegioProD)“ beim Deutschen Verband für Landschaftspflege, Koordinierungsstelle Hessen. „Da die Entwicklung der Flächen nach der Einsaat mehrere Jahre dauert, werden in der Ausgleichsplanung häufig Maßnahmen bevorzugt, die schneller sichtbare Ergebnisse bringen. Diese Exkursion macht Mut, sich dennoch an die ökologische Grünlandaufwertung zu wagen. Wir bedanken uns bei allen Beteiligten, vom Projekt in Friedrichsdorf lernen zu dürfen,“ betont Harvolk-Schöning. Artenreiches Grünland zählt zu den vielfältigsten, aber auch zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen in Deutschland. Seine Wiederherstellung ist daher eine wichtige Aufgabe im Rahmen der europäischen Naturschutzvorgaben, etwa der FFH-Richtlinie und der EU-Wiederherstellungsverordnung.

Das Projekt „Blütenvielfalt“ setzt genau hier an: Es fördert die Aufwertung von Grünland mit gebietseigenem Saatgut, informiert über Hintergründe und Maßnahmen, qualifiziert und bringt relevante Akteure miteinander in den Austausch. Die hessischen Landschaftspflegeverbände stehen als kompetente Umsetzungspartner für die Wiederherstellung von artenreichem Grünland zur Verfügung.

 

HINTERGRUND

Landschaftspflegeverbände sind in einigen Landkreisen Hessens schon seit den 1980er und 1990er Jahren aktiv und als professionelle und erfolgreiche Akteure im Naturschutz anerkannt. Die drittelparitätische Vereinsstruktur eines Landschaftspflegeverbands als Zusammenschluss von Vertretern der Landwirtschaft, Naturschutzverbänden und Kommunen bildet dabei die Vertrauensbasis für eine erfolgreiche Arbeit. Um dieses „Miteinander“ im Naturschutz in ganz Hessen zu stärken, unterstützt die Landesregierung die Finanzierung von Landschaftspflegeverbänden. In Hessen gibt es 18 Landschaftspflegeverbände.

Der DVL ist der Dachverband der Landschaftspflegeorganisationen in Deutschland und ist in Hessen mit einer Koordinierungsstelle vertreten, um die Arbeit der Landschaftspflegeverbände zu unterstützen. Die Verbände arbeiten deutschlandweit mit circa 15.000 landwirtschaftlichen Betrieben, darunter knapp 2.000 Schäfereien, für den Naturschutz eng zusammen. Über 3.900 Kommunen, 190 Landkreise und 47 kreisfreie Städte sind Mitglied eines Landschaftspflegeverbandes. Die im DVL zusammengeschlossenen Verbände sind rechtlich selbstständig.

Das Projekt „Blütenvielfalt – RegioProD“ ist ein Verbundprojekt der Hochschulen Osnabrück und Anhalt, des Deutschen Verbands für Landschaftspflege, des Verbands deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten e.V. (VWW), der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein sowie von Praxispartnern in den beteiligten Regionen. Ziel des Projekts ist, über die Bedeutung von gebietseigenem Material bei Begrünungen und Renaturierungsprojekten zu informieren und die Anwendung zu fördern. Das Projekt „Blütenvielfalt – RegioProD“ wird gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Das Teilprojekt in Hessen wird außerdem gefördert mit Mitteln des Hessischen Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat.

* „Grüne Wüste, statt Blumenwiese“, TaunusZeitung Friedrichsdorf, Bericht am 1. Juli 2016, Seite 15

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Pressekontakt: Miriam Sannes, Deutscher Verband für Landschaftspflege – Koordinierungsstelle Hessen, Oberdorfstraße 23, 35447 Reiskirchen, Tel: +49 6408 / 9697 827, Mobil: +49 15561 059253, E-Mail: m.sannes@dvl.org  

Fachkontakt: Dr. Sarah Harvolk-Schöning, Deutscher Verband für Landschaftspflege – Koordinierungsstelle Hessen, Oberdorfstr.23, 35447 Reiskirchen, Tel: +49 6408 / 9697 826, E-Mail: s.harvolk@dvl.org 

Bild 1: Links artenarmes Grünland, rechts eine Ausgleichsfläche, Bild: (C) DVL Hessen. 
Bild 2: Die Exkursionsteilnehmenden im Blütenmeer, Bild (C) DVL Hessen
Bild 3: So bunt und vielfältig kann eine Wiese aussehen. Bild (C) DVL Hessen.

 

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